Zwei Leben, ein Wendepunkt – und der Mut, neu anzufangen
Manchmal kommt das Leben ohne Vorwarnung aus der Kurve. Ein Unfall, eine Diagnose und plötzlich steht alles still. Für Menschen mit Querschnittlähmung verändert sich viel mehr als nur der Alltag. Plötzlich rücken Fragen in den Vordergrund, die man sich vorher kaum gestellt hat: Wie soll es weitergehen? Was kann ich noch? Wer bin ich jetzt, auch beruflich? Zwei Menschen, zwei sehr unterschiedliche Lebensphasen und doch verbindet sie eines: Beide mussten alles neu denken. Und beide haben ihren Weg gefunden.
Werner und Fabian – Ein Doppelporträt über Umwege, Kraft und die Suche nach einem neuen beruflichen Zuhause
„Ich stand mitten im Leben – und plötzlich war alles anders.“ Werners Geschichte
Werner war ein Mann, der wusste, wie sein Leben läuft. Dreißig Jahre Journalist, dreißig Jahre Routinen, Themen, Deadlines. Bis ein Unfall plötzlich eine neue Realität schuf.
„Ich war gerade ohnehin in einer schwierigen Zeit. Nach Sparmaßnahmen bei meinem Arbeitgeber, einem Verlag, hatte ich meinen Job verloren – eine Lebenskrise, die mich schon beschäftigte, bevor überhaupt etwas passiert war. Dann der Unfall. Reha. Stille. Viel Zeit zum Nachdenken. Und plötzlich stand die Frage im Raum: Wie soll das jetzt weitergehen? Eine Erwerbsunfähigkeitsrente sorgte zwar für meine finanzielle Sicherheit, aber nicht für den Sinn. Nicht für diese innere Stimme, die mir sagt: Ich weiß, wo ich hingehöre.
Und genau diese Stimme wurde durch einen Zufall wieder geweckt. Eine Technikerin bei meiner Rollstuhlanpassung erwähnte einen Verlag, der zu mir passen könnte. Ein Hinweis, der alles veränderte. Aus einem ersten Gespräch wurde eine Zusammenarbeit. Erst war ich freier Autor, dann Teilzeitkraft. Schließlich wagte ich den Schritt in die Selbstständigkeit und gründete mein eigenes Journalistenbüro. Im Grunde bin ich zu meinem alten Beruf zurückgekehrt. Aber in einer Welt, die mich jetzt noch viel mehr betrifft. Und das fühlt sich richtig an. Heute arbeite ich weiter, obwohl ich längst im Rentenalter bin. Nicht aus Pflicht, sondern aus Leidenschaft“.
„Ich wollte etwas Handwerkliches – dann kam der Unfall.“ – Fabians Weg
Fabians Geschichte beginnt ganz anders. Ein junger Mann, der gerade erst ins Berufsleben startet.
Nach der Realschule begann ich eine Ausbildung zum technischen Produktdesigner. Nebenbei arbeitete ich im Lager. Und da war schnell dieses Gefühl: Ich will mehr mit meinen Händen machen. Also wechselte ich in eine Zimmerei. Die Zimmermannsausbildung war schon geplant und sollte in wenigen Monaten beginnen.
Alles fühlte sich richtig an – bis 2023 ein Motorradunfall alles veränderte. Querschnittlähmung. Neustart. Viel zu früh. Noch im Krankenhaus stand die Frage im Raum: Was kann ich jetzt überhaupt? Bauzeichner? Architekt? Irgendwas im technischen Bereich? Alles denkbar – aber nichts fühlte sich sofort richtig für mich an. Der Wendepunkt kam mit meiner Entscheidung, die Fachhochschulreife nachzuholen. Ein Schritt, der mir Klarheit brachte. Und kurz darauf das Überraschende: Meine ehemalige Minijob-Firma bot mir eine Stelle im Büro an.
Heute arbeite ich dort als technischer Produktdesigner und Bürofachkraft – ein Weg, der an meinen Anfang anknüpft, aber trotzdem ganz neu ist. Es ist zwar nicht der handwerkliche Traum von früher, aber es ist mein Weg. Und der passt.
Was beide verbindet
Werner und Fabian hätten kaum an unterschiedlicheren Punkten im Leben stehen können:
- Der eine am Anfang, der andere in der Mitte seiner Karriere.
- Der eine träumte vom Handwerk, der andere von einer Rückkehr zum Schreiben.
Und trotzdem teilen sie Entscheidendes:
- Sie haben nach dem Bruch mutig weitergemacht.
- Sie haben Wege gefunden, die zu ihnen passen.
- Sie zeigen, dass ein Neuanfang möglich ist – auch wenn er sich zunächst verbirgt.
Beide Geschichten erzählen von Stärke, Offenheit und der Fähigkeit, sich selbst neu zu erfinden. Sie zeigen, dass berufliche Identität nicht nur körperlichen Möglichkeiten folgt – sondern dem Mut, sich zu fragen: Wer möchte ich jetzt sein? Und manchmal führt genau dieser neue Weg wieder dorthin, wo sich das Leben richtig anfühlt.
Die dargestellten Erfahrungsberichte, Aussagen und Meinungen beziehen sich auf die abgebildete Person. Diese Aussagen sind repräsentativ für die Erfahrungen dieser Person, die genauen Ergebnisse und Erfahrungen sind jedoch für jede einzelne Person einzigartig und individuell.